Zwei suchen sich und finden sich nicht: Das unsichtbare Problem bei der Therapiesuche

Psychotherapie ist so gefragt wie nie zuvor.

Immer mehr Menschen suchen aktiv nach Unterstützung, informieren sich online, sind bereit, Zeit und Geld zu investieren und stoßen trotzdem auf Absagen, Wartelisten oder Funkstille. Gleichzeitig berichten viele gut ausgebildete Therapeut:innen von freien Plätzen in ihren Praxen.

Ein Widerspruch, der irritiert: Wie kann es sein, dass so viele Menschen keinen Therapieplatz finden, während andere ungenutzt bleiben? Genau dieser systemische Bruch prägt aktuell die psychotherapeutische Versorgung, in Österreich ebenso wie international und betrifft Suchende wie Therapeut:innen gleichermaßen.

In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für mentale Gesundheit stark gestiegen. Weltweit führte z. B. die COVID-19-Pandemie zu einem 25 % Anstieg von Angststörungen und Depressionen. In Österreich leiden schätzungsweise 1,9 Millionen Menschen unter depressiven Symptomen, Tendenz steigend. Auf der anderen Seite sind heute auch so viele Psychotherapeut:innen ausgebildet wie noch nie.

Warum also diese Lücke? In diesem Artikel schauen wir uns wissenschaftlich fundiert an, welche Gründe dahinterstecken, wenn Therapieplätze leer bleiben, obwohl so viele Hilfe suchen.

Du erfährst, welche systemischen, menschlichen und marktwirtschaftlichen Faktoren dazu führen, dass Angebot und Nachfrage in der Psychotherapie oft nicht zueinanderfinden. Wir beleuchten typische Hindernisse, von bürokratischen Hürden über unpassendes Matching bis zu unrealistischen Erwartungen und liefern Fakten, Studien und Beispiele (u. a. aus Österreich und Deutschland), die das Phänomen greifbar machen.

„Wer Therapie will, muss entweder warten oder zahlen.“

Zunächst der Blick auf die Zahlen: Die Schere zwischen Therapiebedarf und tatsächlicher Versorgung ist enorm. Laut neuesten Daten hat etwa jeder fünfte Mensch in Österreich innerhalb eines Jahres eine psychische Erkrankung (Prävalenz ~22 %).

Doch längst nicht alle Betroffenen erhalten tatsächlich eine Therapie. Schätzungen gehen davon aus, dass nur ca. 9 % der Bevölkerung bereit und willens sind, eine Behandlung aufzunehmen und selbst diese werden bei weitem nicht alle erreicht .

Ein großes Hindernis ist das begrenzte Kontingent an kassenfinanzierten Therapieplätzen. 2022 erhielten lediglich rund 2 % der Österreicher:innen irgendeine Form von erstatteter Psychotherapie, vollfinanziert sogar nur etwa 1 %. Mit anderen Worten: Von allen Menschen, die Hilfe bräuchten, bekommt nur ein Bruchteil einen Kassenplatz. In Deutschland zeigt sich ein ähnliches Bild: Dort hatten 2019 nur etwa 4 % der gesetzlich Versicherten Kontakt zu Psychotherapeut:innen, obwohl die Erkrankungsrate bei rund 28 % lag.

Warum werden nicht einfach mehr Therapieplätze geschaffen? Ein Problem ist die Finanzierung. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, dass mindestens 3–5 % der Bevölkerung mit Psychotherapie versorgt werden sollten. Davon sind wir weit entfernt. Österreich hatte 2018 z. B. nur 70.000 vollfinanzierte Kassentherapieplätze, das waren 0,8 % der Bevölkerung. Trotz geplanter Aufstockung bleibt die Lücke groß. Die Pandemie hat dieses Problem nicht geschaffen, aber verschärft.

Dabei mangelt es nicht an Therapeut:innen selbst. „Das Geld fehlt, nicht die Therapeut:innen“, bringt es der Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP), Peter Stippl, auf den Punkt. Er betont, dass Österreich pro Kopf dreimal so viele Psychotherapeut:innen hat wie der EU-Durchschnitt, „wir warten nur auf die Aufträge.“ Theoretisch könnten rund 11.676 eingetragene Therapeut:innen in Österreich pro Jahr etwa 669.100 Personen behandeln (ca. 7,5 % der Bevölkerung), wenn sie voll ausgelastet wären. Aktuell werden aber nur ca. 199.000 Personen pro Jahr durch teil- oder vollfinanzierte Therapie versorgt (etwa 2 % der Bevölkerung).

Die Folge: Obwohl eigentlich genügend gut ausgebildete Therapeut:innen vorhanden wären, bleiben ihre Praxen teils leer, weil das Kassensystem zu wenige Therapieplätze finanziert. Fachleute fordern daher eine Verdrei- bis Vervierfachung der kassenfinanzierten Plätze, um den Bedarf zu decken. Bis dahin müssen viele Betroffene auf private Angebote ausweichen oder unbehandelt bleiben, was uns zum nächsten Punkt führt.

Studien berichten von durchschnittlich rund 22 Wochen Wartezeit auf einen Therapieplatz in Deutschland, also über 5 Monate. In Österreich heißt es oft: „Wer Therapie will, muss entweder warten oder zahlen.“

Hürde Kassensystem: Finanzierung, Bürokratie und Fehlanreize

Ein zentraler Grund für freie Therapieplätze liegt im Gesundheitssystem selbst.

Kassenpsychotherapie ist knapp und heiß begehrt. Wer keinen der begrenzten voll finanzierten Plätze ergattert, hat zwei Optionen: warten oder zahlen.

Diese Struktur erzeugt gleich mehrere Fehlanreize:

Finanzielle Barrieren:

Eine private Therapiestunde kostet in Österreich im Schnitt 80–130 €, je nach Therapeut:in und Region. Die gesetzliche Kasse (ÖGK) erstattet davon derzeit lediglich ca. 33€ pro Sitzung (die Sozialversicherung der Selbstständigen SVS ca. 45€) . Rund 30 % der Therapien werden so nur teilweise rückerstattet, weitere 20 % zahlen Betroffene komplett aus eigener Tasche. Viele, insbesondere junge Erwachsene, können sich das nicht leisten. Das heißt: Selbst wenn freie Plätze bei Wahltherapeut:innen vorhanden wären, bleiben sie ungenutzt, weil potenzielle Klient:innen vor den Kosten zurückschrecken. Die psychische Erkrankung wird dann oft verschleppt, bis es gar nicht mehr anders geht.

Bürokratische Hürden:

Wer eine Teilrückerstattung möchte, muss erst zum Arzt, eine Diagnose einholen und Anträge stellen. Dieser „Ärztedschungel“ kostet Zeit und Nerven. Einige geben frustriert auf, noch bevor die Therapie begonnen hat. Gerade junge Menschen ohne Erfahrung im Gesundheitssystem fühlen sich schnell verloren. So bleiben viele gar komplett ohne Behandlung, Schätzungen zufolge nimmt etwa ein Viertel der psychisch Erkrankten überhaupt keine Therapie in Anspruch (oft mangels niedrigschwelliger Angebote). Jede:r vierte Betroffene „fällt durchs Raster“, während Therapeut:innen theoretisch Kapazität hätten.

Fehlanreize bei Therapeut:innen:

Auch für Therapeut:innen selbst setzt das Kassensystem fragwürdige Signale. Kassenplätze sind rar und bürokratisch reglementiert, weshalb viele Therapeut:innen nur privat anbieten. Ein Kassenvertrag bedeutet oft volle Wartezimmer, aber auch geringere Honorare und mehr Papierkram. Ohne Vertrag hingegen ist man freier, läuft aber Gefahr, auf seinen freien Stunden sitzenzubleiben. Diese Schere verzerrt den Markt: Kassenpsychotherapeut:innen sind überlaufen, während gut ausgebildete Wahltherapeut:innen nebenan vielleicht Leerlauf haben. Das frustriert beide Seiten: Klient:innen wie Therapeut:innen.

Das System belohnt derzeit weder die Hilfesuchenden noch die Therapeut:innen ausreichend, um zusammenzufinden. Die Folgen sind teuer, im doppelten Sinne. Einerseits zahlen viele Betroffene viel Geld privat oder verzichten notgedrungen auf Hilfe; andererseits verursacht das „Aufschieben“ von Therapien immense Folgekosten für die Gesellschaft. Psychische Erkrankungen sind z. B. für zwei Drittel aller Frühpensionierungen mitverantwortlich.

Unpassendes Matching: Wenn Angebot und Nachfrage sich verfehlen

Neben den strukturellen Problemen gibt es zwischenmenschliche und logistische Gründe, warum Therapieplätze leer bleiben. Ein Schlüsselbegriff dabei ist Matching, also die Passung zwischen Therapeut:in und Klient:in.

Psychotherapie ist sehr persönlich; es reicht nicht, irgendeinen freien Platz zu haben. Der/die richtige Therapeut:in für dein Anliegen muss gefunden werden. Und genau hier hakt es oft:

  • Spezialisierung und Schwerpunkt: Vielleicht suchst du als 25-jährige Person mit Panikattacken eine Therapeutin, die Erfahrung mit jungen Erwachsenen und Angststörungen hat. Der nächste freie Platz ist aber bei einem Analytiker, spezialisiert auf Paarkonflikte in der Lebensmitte. Passt nicht wirklich, oder? Solche Mismatch-Situationen sind häufig. Obwohl nominal Kapazitäten da wären, passen Profil und Bedarf nicht zusammen.

  • Therapeutische Methoden: Es gibt verschiedene Therapieformen (Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, systemische Therapie usw.). Klient:innen haben manchmal klare Vorlieben oder Abneigungen. Wenn jemand fest überzeugt ist, dass nur eine Verhaltenstherapie hilft, wird er/sie einen freien Platz in Gestalttherapie evtl. ausschlagen und weiter suchen. Studien zeigen, dass die Berücksichtigung von Behandlungspräferenzen die Therapieerfolge erhöht. Bekommen Klient:innen ihre bevorzugte Methode, brechen sie seltener ab und die therapeutische Allianz ist stärker.

  • „Chemie“ und Beziehung: Auch wenn fachlich alles passt, muss man sich auf menschlicher Ebene verstehen. Passt die Wellenlänge nicht, bleibt der/die Klient:in vielleicht nach 2–3 Stunden fern und der Platz ist wieder frei. Für Therapeut:innen ist es schwer planbar, wer wirklich bleibt. Menschliche Faktoren wie Sympathie, Kommunikationsstil, sogar Humor können über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Stattdessen bleibt so mancher Ratsuchende lieber ganz ohne Therapie, als bei jemandem, der sich falsch anfühlt.

All das führt dazu, dass Therapieplätze mitunter frei bleiben, obwohl irgendwo jemand sie dringend bräuchte, man findet nur nicht zueinander. Expert:innen sprechen hier von mangelnder Passung, die als strukturelles Problem anerkannt ist. Österreich und Deutschland teilen z. B. „ähnliche Hürden wie lange Wartezeiten und mangelnde Passung“ laut einer aktuellen Analyse.

Es braucht also bessere Wege, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen und genau hier setzen wir von findmetherapy an (doch dazu später).

Eine erfolgbringende Therapie erfordert Vertrauen und das berühmte „Bauchgefühl“.

Fazit: du bist nicht allein!

Wie wir gesehen haben, gibt es viele Gründe, warum Therapeut:innen trotz steigender Nachfrage freie Plätze haben. Unpassendes Matching, bürokratische und finanzielle Hürden, all das trägt zu diesem Paradox bei.

Für dich als psychisch belasteter junge:r Erwachsene:r mag das frustrierend sein: Da möchte man etwas für seine mentale Gesundheit tun, und läuft doch ständig gegen Wände. Aber gib nicht auf! Es tut sich etwas. Immer mehr Stimmen fordern Änderungen im System, damit Therapie kein Luxusgut bleibt.

Gleichzeitig entstehen Lösungen, um bestehende Hürden zu umgehen. Eine davon ist unser persönlicher Matching-Service bei findmetherapy. Wir wissen, wie zermürbend die Therapiesuche sein kann und genau da setzen wir an. Kein Algorithmus, sondern echte Menschen kümmern sich darum, dich und Therapeut:innen passgenau zusammenzubringen. Wir berücksichtigen deine Bedürfnisse, Vorlieben und auch praktischen Kriterien (Budget, Ort, verfügbare Zeiten). So musst du dich weder durch Bürokratie kämpfen, noch zig Profile durchforsten oder Glück bei Kaltakquise haben. Wir von findmetherapy glauben fest daran, dass jeder Mensch, der Hilfe sucht, sie auch finden soll, ohne monatelanges Warten.

Wir helfen wir dir, jemanden zu finden, der wirklich zu dir passt: menschlich, fachlich und zu deiner Situation passend.

So funktioniert es: Du füllst online einen kurzen, anonymen Fragebogen aus, zu Themen wie deinen Wünschen, deiner aktuellen Situation und Verfügbarkeit. Danach prüfen wir persönlich, welche Therapeut:innen am besten zu dir passen, und schicken dir gezielte Vorschläge. 

Hier kannst du dich anmelden und wir finden einen passenden Therapieplatz für dich.

Die Die Anmeldung ist auf deinen Wunsch auch anonym möglich. Es entstehen für dich keine Kosten und du kannst dich jederzeit von findmetherapy abmelden. 

Auf unserem Blog findest du weitere Artikel, die dich interessieren könnten, zum Beispiel darüber, warum wir manchmal genau das fürchten, was wir uns am meisten wünschen, oder wie man lernt, sich selbst zu akzeptieren. Schau gerne mal rein und lass dich inspirieren.

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Und falls du dich gerade in einer akuten Krise befindest: Bitte zögere nicht, sofort Hilfe anzunehmen. Du kannst rund um die Uhr anonym die Telefonseelsorge unter 142 erreichen oder dich an den Psychosozialen Notdienst (in Wien: 01/31330) wenden. In akuten Notfällen oder wenn du dich selbst in Gefahr siehst, wähle bitte den europaweiten Notruf 112.

Lass dich also nicht entmutigen: Unterstützung ist da draußen, und du hast verdient, sie zu bekommen. Die leeren Wartezimmer mancher Therapeut:innen müssen nicht sein, mit dem richtigen Matching werden daraus gefüllte Plätze und erfolgreiche Therapien.

Quellenverzeichnis:

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Therapeut:in sein - wie es ist, mit dem Innersten anderer Menschen zu arbeiten

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