Depression bei Männern: Warum Männer seltener oder später in Therapie gehen

Stell dir zwei Menschen vor, die dasselbe durchmachen:

schlaflose Nächte, das Gefühl, innerlich leer zu laufen, Gereiztheit, die aus dem Nichts kommt. Die eine Person macht irgendwann einen Termin bei einer Therapeutin.

Die andere macht … nichts.

Trinkt vielleicht abends ein Bier mehr, funktioniert weiter, beißt sich durch.

Statistisch gesehen ist die erste Person eher eine Frau, die zweite eher ein Mann. Und dieser Unterschied ist kein Klischee, sondern eines der best untersuchten und folgenreichsten Muster in der psychischen Gesundheit überhaupt.

Junger Mann sitzt nachdenklich im Sessel während einer Psychotherapie-Sitzung, Therapeutin mit Klemmbrett im Vordergrund

In Österreich sind rund zwei Drittel der Menschen in Psychotherapie Frauen und nur ein Drittel Männer. Gleichzeitig gehen 80 % aller Suizide auf Männer zurück. Männer sind also nicht seelisch stabiler oder „weniger kompliziert“, sie holen sich nur seltener und später Hilfe, und das mit teils tödlichen Folgen.

Wir von findmetherapy möchten in diesem Beitrag verständlich und wissenschaftlich fundiert zeigen, warum das so ist, woran es liegt und was wirklich hilft. Denn wer die Gründe versteht, kann etwas verändern, bei sich selbst oder bei einem Mann, der einem am Herzen liegt.

Das Paradox: Männer leiden anders und tödlicher

Fangen wir mit der Zahl an, die alles auf den Punkt bringt. 2024 starben in Österreich 972 Männer und 247 Frauen durch Suizid.

Die Suizidrate liegt bei Männern bei etwa 22 pro 100.000 Einwohner:innen, bei Frauen bei rund 5, also drei- bis viermal so hoch. Insgesamt nahmen sich 2024 rund 1.219 Menschen das Leben, etwa dreieinhalbmal so viele, wie im Straßenverkehr starben.

Und dieses Muster ist kein österreichisches Phänomen:

Weltweit sind laut Weltgesundheitsorganisation rund zwei Drittel aller Suizide männlich.

Jetzt kommt das eigentlich Verblüffende. Laut Statistik erkranken Frauen sogar etwas häufiger an Depressionen als Männer.

Wie passt das zusammen, häufiger depressiv, aber viel seltener durch Suizid gestorben?

Die plausibelste Erklärung lautet: Die Depression von Männern wird massiv unterschätzt und übersehen. Sie zeigt sich anders, sie wird seltener diagnostiziert, und Männer suchen seltener Hilfe. Etwas vereinfacht gesagt: Wer nicht zum Arzt oder zur Therapeutin geht, bekommt auch keine Diagnose und keine Behandlung.

Männer nutzen Therapie deutlich seltener und das liegt nicht am Leidensdruck

Dass Männer seltener in Therapie gehen, ist über Länder und Studien hinweg erstaunlich konsistent belegt.

Die ambulante Psychotherapie wird zu rund zwei Dritteln von Frauen und nur zu einem Drittel von Männern in Anspruch genommen.

Eine österreichische Studie (Sprung und Kolleg:innen, 2021) untersuchte das erstmals genauer und fand einen besonders aufschlussreichen Befund: Deutlich mehr Männer als Frauen gaben an, gar keinen Behandlungsbedarf zu sehen, 45 % der Männer gegenüber 26 % der Frauen.

Auch bei Jugendlichen zeigt sich das Muster früh. In Deutschland nahmen laut Barmer-Arztreport 2019 rund dreimal so viele 17-jährige Mädchen (4,8 %) eine Psychotherapie in Anspruch wie gleichaltrige Burschen (1,5 %). Und eine Schweizer Studie fand, dass Männer eine um 29 % geringere Wahrscheinlichkeit hatten, überhaupt eine Psychotherapie zu beginnen.

Der entscheidende Punkt dabei:

Dieser Unterschied lässt sich nicht einfach damit erklären, dass es Frauen „schlechter“ ginge. Die Forschung zeigt, dass Inanspruchnahme und tatsächliche Belastung ziemlich unabhängig voneinander sind.

Mann sitzt allein mit gesenktem Kopf auf einem Stuhl, Symbolbild für Depression und psychische Belastung bei Männern

Selbst wenn Männer und Frauen gleich stark leiden, gehen Männer seltener in Behandlung. Es liegt also nicht am Leidensdruck. Es liegt an etwas anderem und genau da wird es spannend.

Grund 1: „Ein echter Mann regelt das selbst“

Der wohl größte Hebel sind traditionelle Männlichkeitsnormen.

Damit sind die ungeschriebenen Regeln gemeint, mit denen viele Jungen aufwachsen: Sei stark. Zeig keine Schwäche. Regel deine Probleme allein. Ein Mann jammert nicht.

Eine große Meta-Analyse (Wong und Kolleg:innen, 2017) wertete fast 20.000 Teilnehmer aus und fand: Je stärker Männer sich mit diesen Normen – Selbstständigkeit, emotionale Kontrolle, Unverwundbarkeit – identifizieren, desto schlechter ist ihre psychische Gesundheit und desto geringer ihre Bereitschaft, sich Hilfe zu holen.

Das ist keine Charakterschwäche, sondern anerzogen.

Wer sein Leben lang hört, dass Hilfesuchen unmännlich sei, empfindet den Gang zur Therapeutin nicht als vernünftigen Schritt, sondern als Niederlage und zwar nicht nur vor anderen, sondern vor sich selbst.

Die Folge ist bitter:

Viele Männer kommen erst dann in Therapie, wenn es gar nicht mehr anders geht. Wenn das Umfeld massiv Druck macht, wenn eine ärztliche Einweisung erfolgt oder wenn es zum kompletten Zusammenbruch kommt.

Also genau dann, wenn viel wertvolle Zeit bereits verstrichen ist.

Grund 2: Keine Worte für Gefühle

Es gibt einen sperrigen Fachbegriff, der ein sehr reales Phänomen beschreibt:

Alexithymie, wörtlich „keine Worte für Gefühle“.

Gemeint ist die Schwierigkeit, die eigenen Emotionen überhaupt zu erkennen und zu benennen. Und hier gibt es tatsächlich einen Geschlechtsunterschied: In einer großen finnischen Bevölkerungsstudie waren Männer mit 17 % fast doppelt so häufig betroffen wie Frauen mit 10 %. Aktuellere Auswertungen bestätigen das Muster.

Wichtig ist die richtige Einordnung, denn „Männer haben keine Gefühle“ wäre grundfalsch.

Korrekt ist:

Viele Männer wurden schlicht seltener darin trainiert, ihre Gefühle zu benennen. Der Psychologe Ronald Levant nennt das „normative männliche Alexithymie“, ein Ergebnis der Erziehung, nicht der Biologie.

Und tatsächlich zeigen Beobachtungsstudien, dass Eltern mit Töchtern deutlich ausführlicher über Gefühle sprechen, vor allem über Traurigkeit und Angst, als mit Söhnen. Beim gemeinsamen Bilderbuchanschauen ordnen Eltern wütende Gesichter eher Jungen zu, traurige eher Mädchen. Jungen dürfen also wütend sein, aber Traurigkeit und Angst werden ihnen früh abtrainiert.

Kein Wunder, dass es vielen Männern als Erwachsene schwerfällt, in einer Therapie über genau diese Gefühle zu sprechen.

Grund 3: Wenn Depression wie Wut aussieht

Vielleicht der wichtigste Punkt des ganzen Artikels.

Wir haben ein sehr bestimmtes Bild von Depression im Kopf: Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Rückzug, viel Weinen. Bei vielen Männern sieht Depression aber ganz anders aus.

Fachleute sprechen von der „männlichen Depression“, die sich nach außen richtet statt nach innen: Gereiztheit, Wutausbrüche, Aggression, Risikoverhalten, körperliche Beschwerden und ganz zentral, vermehrter Alkohol- oder Substanzkonsum.

Eine Wiener Studie fand bei depressiven Patient:innen, dass Männer deutlich mehr Wutattacken hatten als Frauen, im Schnitt 4,3 gegenüber 1,2 pro Monat.

Das Problem dabei:

Diese nach außen gerichteten Symptome passen nicht ins klassische Diagnoseraster, das auf Traurigkeit und Rückzug ausgelegt ist. Ein Mann, der reizbar ist, viel arbeitet, Risiken eingeht und abends trinkt, wird eben oft nicht als „depressiv“ erkannt, nicht vom Umfeld, nicht vom Arzt, und häufig nicht einmal von sich selbst.

Setzt man dagegen geschlechtssensible Testverfahren ein, die auch diese Symptome erfassen, gleichen sich die Depressionsraten von Männern und Frauen plötzlich an.

Der Alkohol verdient dabei eine eigene Erwähnung, weil er so oft die Rolle der heimlichen Selbstmedikation übernimmt. In Österreich gelten rund 7,5 % der Männer als alkoholabhängig, gegenüber 2,5 % der Frauen, also dreimal so viele. Für viele Männer ist das Feierabendbier, das zu drei oder vier wird, kein Genuss, sondern der Versuch, eine unbehandelte innere Anspannung irgendwie erträglich zu machen.

Person schreibt mit Stift in ein liniertes Notizbuch, Journaling als Methode zur Selbstreflexion und emotionalen Gesundheit

Schreiben hilft, Gefühle überhaupt erst zu ordnen. Wer regelmäßig journalt, also seine Gedanken und Stimmungen aufschreibt, lernt mit der Zeit, die eigenen Emotionen besser zu erkennen und zu benennen.

Was hilft: Hilfe, die zu Männern passt

Die gute Nachricht:

Man weiß inzwischen ziemlich genau, was funktioniert. Und der wichtigste Gedanke dabei ist, dass eine Therapie „von der Stange“ für viele Männer nicht ideal ist. Es braucht Angebote, die zu ihrer Lebensrealität passen.

Besonders wirksam sind ressourcenorientierte Ansätze, die nicht mit dem Finger auf Defizite zeigen, sondern an Stärken anknüpfen. Verantwortung übernehmen, für andere einstehen, Dinge anpacken, das sind Eigenschaften, die man in der Therapie als Ressource nutzen kann, statt Männern das Gefühl zu geben, sie seien „kaputt“.

Ebenfalls hilfreich sind handlungs- und lösungsorientierte Methoden mit konkreten Zielen und Übungen, weil sie das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit und Kontrolle bedienen.

Und ganz praktisch:

Abend- und Wochenendtermine, reine Männergruppen oder auch ein männlicher Therapeut können den Einstieg erleichtern, letzteres ist aber kein Muss, sondern eine Möglichkeit.

Es gibt übrigens Grund zur Hoffnung:

Jüngere Generationen brechen zunehmend mit dem alten Muster. Umfragen zeigen, dass Männer der Gen Z deutlich offener mit psychischer Gesundheit umgehen als alle Generationen vor ihnen. Jede Generation ist ein Stück ehrlicher zu sich selbst als die vorherige.

Das ist kein Grund, sich zurückzulehnen, aber ein echtes Zeichen, dass sich etwas bewegt.

Anlaufstellen für Männer in Wien

Wenn du ein Mann bist, der gerade zögert, oder wenn du dir um einen Mann in deinem Leben Sorgen machst: Der erste Schritt darf ganz klein sein.

Er muss nicht gleich „eine Therapie beginnen“ heißen. Es gibt niedrigschwellige, anonyme und kostenlose Angebote, die genau dafür da sind.

Männerinfo (0800 400 777):

eine kostenlose, anonyme und österreichweite Hotline speziell für Männer, rund um die Uhr erreichbar. Kostet nichts, verpflichtet zu nichts, ein guter erster Anruf, wenn man noch nicht weiß, wohin.

Männerberatung Wien:

seit über 40 Jahren Anlaufstelle für psychologische, psychotherapeutische, soziale und juristische Fragen (Muhrengasse 22, 1100 Wien; Tel. 01/603 28 28). Mit einkommensabhängigen, flexiblen Tarifen und einem eigenen Therapieangebot für Männer. 2024 gab es hier über 8.500 Klientenkontakte, ein neuer Höchstwert.

MEN – Männergesundheitszentrum:

an der Klinik Favoriten (Wiener Gesundheitsverbund; Tel. 01/60191-5454) mit kostenloser, mehrsprachiger Erstberatung zu körperlicher und seelischer Gesundheit.

Stärke heißt nicht, alles allein zu tragen

Das alte Bild von Stärke, alles mit sich selbst ausmachen, bloß keine Schwäche zeigen, hat viele Männer teuer zu stehen kommen lassen.

Es ist mitverantwortlich dafür, dass so viele leiden, ohne dass es jemand merkt, und dass so viele viel zu spät Hilfe bekommen. Dabei ist die Wahrheit eine ganz andere:

Es braucht mehr Mut, sich einzugestehen, dass es nicht mehr geht, und sich Unterstützung zu holen, als sich jahrelang durchzubeißen.

Wenn du dich in diesem Text wiedererkannt hast, in der Reizbarkeit, dem Rückzug, dem Gefühl, nur noch zu funktionieren, dann sieh das als das, was es ist:

ein Signal, kein Makel. Und wenn dir ein Mann am Herzen liegt, bei dem du diese Zeichen bemerkst, dann sprich ihn an. Oft braucht es genau diesen einen Anstoß von außen, damit ein Mann den ersten Schritt macht.

Deine mentale Gesundheit ist keine Frage von Stärke oder Schwäche, sondern ein Teil von dir, der Fürsorge verdient. Wenn du bereit bist, begleiten wir dich vom ersten Schritt an. Gemeinsam schaffen wir das.

So hilft dir findmetherapy

Das eigentliche Problem ist nämlich oft gar nicht der fehlende Wille, sondern die Hürde, aus dem „irgendwann mal“ ein „jetzt“ zu machen und dann auch noch die passende Fachperson zu finden.

Genau dafür gibt es findmetherapy.

Bei uns durchsucht kein anonymer Algorithmus eine Datenbank, sondern echte Menschen schauen sich deine Angaben an und suchen gezielt nach Therapeut:innen, die fachlich und menschlich zu dir passen. Wenn du zum Beispiel lieber einen männlichen Therapeuten möchtest, Abendtermine brauchst oder eine handlungsorientierte Herangehensweise bevorzugst, berücksichtigen wir das.

Und so einfach geht’s:

Du füllst online einen Fragebogen aus: Was beschäftigt dich? Wann hättest du Zeit? Online oder in einer Praxis? Wir übernehmen dann die Vorauswahl und melden uns mit einer passenden Empfehlung. Keine zehn Absagen am Telefon, kein monatelanges Warten ins Ungewisse.

Hier kannst du dich anmelden und wir finden einen passenden Therapieplatz für dich.

Die Anmeldung ist auf deinen Wunsch auch anonym möglich. Es entstehen für dich keine Kosten und du kannst dich jederzeit von findmetherapy abmelden.

Wenn du gerade überlegst, wie und wo du überhaupt einen Therapieplatz in Wien findest, dann lies gerne bei uns nach, hier erklären wir Schritt für Schritt, welche Wege es gibt. Und falls dich beschäftigt, warum der Schritt in die Therapie sich manchmal so schwer anfühlt, empfehlen wir dir unseren Beitrag darüber, warum wir manchmal Angst vor genau dem haben, was wir uns am meisten wünschen.

Wenn du magst, abonnier auch gern unseren Newsletter für regelmäßige, fundierte Infos rund um psychische Gesundheit.

Und ganz wichtig: Wenn es dir gerade akut schlecht geht oder du an Suizid denkst, hol dir bitte sofort Hilfe. Die Telefonseelsorge erreichst du unter 142 (kostenlos, rund um die Uhr), den Psychosozialen Notdienst in Wien unter 01/31330. Im Notfall wähle die 112. Hilfe ist da, und du musst diesen Moment nicht allein durchstehen.

Quellenverzeichnis

Sprung, M. et al. (2021). Geschlechtsspezifische Unterschiede in der psychotherapeutischen Versorgung. Die Psychotherapie, Springer.

Sozialministerium Österreich / GÖG / Statistik Austria (2025). Suizidbericht Österreich 2024.

Wong, Y. J., Ho, M.‑H. R., Wang, S.‑Y. & Miller, I. S. K. (2017). Meta-analyses of the relationship between conformity to masculine norms and mental health outcomes. Journal of Counseling Psychology, 64(1), 80–93.

Salminen, J. K. et al. (1999). Prevalence of alexithymia and its association with sociodemographic variables in the general population of Finland. Journal of Psychosomatic Research, 46(1), 75–82.

Mendia, J. et al. (2024). Gender differences in alexithymia: A meta-analysis. Personality and Individual Differences.

Winkler, D., Pjrek, E. & Kasper, S. Gender-specific symptoms of depression and anger attacks. (Medizinische Universität Wien).

Barmer (2021). Arztreport 2021 – Psychotherapie bei Jugendlichen.

World Health Organization (2021). Global Health Estimates - Suicide.

Gesundheit Österreich GmbH / Dialogwoche Alkohol. Alkoholabhängigkeit in Österreich nach Geschlecht.

Männerberatung Wien (2024). Jahresbericht. maenner.at.

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